“Tausend Flüsse”

von Lucio Pozzi
“Tausend Flüsse” wurde in der Broschüre der American Abstract Artists International, durch American Abstract Artists und BAU Institute, New York, NY, 2010 veröffentlicht. Deutsch von Manfred Mohr und Oliver Gierke.

American abstract Artists International

Die „American Abstract Artists Association“(AAA) wurde 1936 in New York, wenige Monate nach meiner Geburt gegründet. Es waren stürmische Zeiten. Nazi-Deutschland war in einem Höhenrausch, der italienische und spanische Faschismus triumphierten siegessicher und die Sowjetunion machte sich zügellos groß und breit. In der Kunstwelt gab es Kontroversen darüber, ob Abstraktion überhaupt als rechtmäßige Kunst anzuerkennen sei. In Europa erreichte die abstrakte Kunst eine relative schnelle Akzeptanz, doch in den USA der dreißiger Jahre waren die Vorurteile noch zu groß. Was die europäische Kultur bereits überwunden hatte, wurde hier in einer typisch chauvinistischen Reaktion dieser Zeit als eine nur europäische Idee abgetan.

Wir leben heute Lichtjahre nach diesen Stürmen. Kunst ist nicht mehr ausschließlich europäische oder amerikanisch, doch es gibt noch immer Leute, die sich über die Vorherrschaft der Abstraktion bzw. Gegenständlichkeit streiten. Auch die Kunst selbst ist in Frage gestellt, mit ihren unzähligen Kontroversen, die in der Elfenbeinturm-Kultur der Kunstwelt toben. Ich habe das Gefühl, dass wir noch immer in einem alten Gordischen Knoten verstrickt sind, den es zu zerschneiden gilt.

Ein erster Schritt wäre an zuerkennen, dass viele kritische und kreative Denker das „entweder / oder“ Denken verlassen haben, um es mit einer „und / auch“ Kultur zu ersetzen. Die Tendenz, Verlässlichkeit in starren Kategorien zu suchen, ist ein Erbe der positivistischen Philosophie, eine Denkweise also, die sich der Überprüfung von Beweisen, Absichten, Prozessen und Ergebnissen widmet. Die Konsumgesellschaft verherrlicht eine vulgäre Version dieses territorialen Denkens, das vereinfacht nur darauf aus ist, „das schnelle Geld“ zu machen. Durch ewiges Wiederholen langweiliger Formeln hat die Konsumgesellschaft die inhärente Energie der Kunst zeitweise überdeckt.

Es ist klar, wenn einmal der Konsensus über die Aufgabe der Kunst in einer modernen Gesellschaft verlorengegangen ist, dass das, was vielleicht noch aus einer Zeit der starren Kategorien an Konsensus übrig blieb, jetzt künstlich und wertlos erscheint. In diesem flexiblen und revidierbaren Szenario sind wir Zeuge einer grundlegenden Aufarbeitung der „American Abstract Artists“.

Was tun die Mitglieder? Der Bereich der Abstraktion beinhaltet Möglichkeiten von solch weitreichender Vielfalt wie der Bereich der Kunst an sich. Diese Künstler erforschen eine große Bedeutung, der sie Sinnlichkeit und Gefühl verleihen oftmals am Rande der Bedeutungslosigkeit, und einer der größten Werte den wir kultivieren können in einer Gesellschaft, die zu oft einfach alle Aktivitäten mit sensationellen oder publizierbaren Erklärungen versieht.

Es ist fast unglaublich, wie viele Variationen entstehen können, wenn man z. B. nur Rechtecke und Linien auf eine Fläche malt, eine Oberfläche konstruiert, auf der sich dann ein von handgemaltes „Etwas“ sinnvoll integriert. Die „und / auch“ Kultur verdrängt die leeren Vorstellungen vom Fortschritt und fördert Respekt für einen seriösen, mit der Umwelt in Einklang stehenden persönlichen Einsatz.

AAA wurde zum Umfeld in dem sich persönliche Sensibilität und intellektueller Diskurs frei und grenzenlos entfalten können. Dies ist ihr neues und wunderbares Leitmotiv: Als Alternative zu der kurzlebigen Hysterie auf Neuheit und dem ständigen Auf und Ab scheinbarer Schlussfolgerungen, steht die absolute Beharrlichkeit dieser Künstler und Künstlerinnen, jeder auf seine Art, als ein Leuchtfeuer schöpferischer Substanz.